Weihnachtsfibel

Die erste Fibel zu Weihnachten von den Kommunikationslotsen


Prinzip 1:
Vertraue dem Prozess

Wenn Du auf Zehenspitzen in schwindelerregender Höhe versuchst, mit dem Zeige- und Mittelfinger den Weihnachtsstern an den höchsten Zweig Deines nicht-nadelnden Tannenbaumes zu befestigen, während würzig-süße, leicht qualmige Düfte aus der Küche in Deine Nase steigen und sofortiges Handeln signalisieren,
… wenn gleichzeitig das Telefon klingelt, niemand da ist, der für Dich drangehen kann und Du genau weißt, dass Du dir soeben einen Rüffel des Anrufers aus der Kategorie “euch erreicht man ja eh nie” eingehandelt hast,
… und wenn endlich alles fertig ist und so schön sein könnte, aber Deine gesamte  Familie sich vor lauter Stress in eine Horde Punks verwandelt hat,
… dann sag’ Dir einfach im Stillen “Vertraue dem Prozess”.

Oder wie der Rheinländer zu berichten weiß: “Et hätt noch immer jot jejange”.

Wenn das allein nicht hilft, dann haben wir hier noch das Mantra des glücklichen Facilitators von Marvin Weisbord und Sandra Janoff:

“Control what you can let go what you can’t.”

Was so viel heißt wie: Übernimm Verantwortung und Kontrolle wo Du etwas ausrichten kannst (z.B. Ablauf, eigenes Verhalten (!), Planung, Logistik). Lass’ die Finger von Dingen, die Du eh nicht kontrollieren kannst (Commitment und Motivation der Teilnehmer bzw. Familienmitglieder, Ergebnisse).

Prinzip 2:
Das Gesetz der zwei Füße

Es gibt nichts Schlimmeres, als an Tischgesprächen teilnehmen zu müssen, die langweilen – ganz besonders zu Weihnachten. Wenn Du dich also in einer Runde wieder findest, die nach dem fünften Latte Macchiato mittlerweile beim Thema “Schneeräumen macht Spaß” angelangt ist oder bei “Warum Selbstgestricktes wieder total trendy ist!”, … wenn vom Hundertsten ins Tausendste über die Macken der Nachbarn oder einzelner Familienmitglieder debattiert wird,… wenn Du merkst, dass Du kalte Füße hast (trotz Wollsocken), der Piccolo Dir zu Kopf gestiegen ist und Du ohnehin gar nicht mehr in der Lage bist, dem Gespräch zu folgen, …

… dann befolge einfach das Gesetz der zwei Füße. Denn dieses aus der Open Space-Methode bekannte, universelle Prinzip verschafft garantiert Abhilfe! Es besagt:

“Gehe dorthin, wo es dich interessiert. Bleibe in keinem Workshop, der dir uneffektiv erscheint oder in dem du nichts mehr beitragen oder lernen kannst. Stimme permanent mit den Füßen ab. Wer eine Gruppe verlässt, ehrt die Gruppe mit der eigenen Abwesenheit, und macht sich dorthin auf, wo sie/er wieder einen Unterschied machen kann.”

Auf diese Weise gelangst Du mit Sicherheit an Orte höherer Energie – und damit tust Du dir etwas Gutes (und allen anderen auch).

Noch ein Tipp:
Falls Du sitzen bleiben musst und das Gesetz der zwei Füße undenkbar wäre, dann versuche einmal dem Tischgespräch eine unverhoffte, gute Wendung zu geben und sage: »Ich heiße…, mein Thema ist…«. Vielleicht sitzt Du ja mit den Lieben in einem Kreis. Dann kommt gleich ein richtiges Open Space-Gefühl auf.

Prinzip 3:
Differenzierung und Integration

Wie kann aus einer Weihnachtsfeier ein nachhaltiger Veränderungsprozess für die ganze Familie werden? Diese Frage stellen wir uns erst gar nicht. Denn hier geht es nur um eine singuläre Veranstaltung: zum Beispiel der Heilige Abend im trauten Kreis der Familie.

So könnte Dein Heiliger Abend aussehen
Die Begrüßung: “Wie geht’s? … “Wo hast Du das denn her?”. Das Tischgespräch: “Was war das Beste für Dich in diesem Jahr?” oder “Welchen Herausforderungen bist Du begegnet und wie hast Du diese gemeistert?”. Das Essen nutzt Du zur Reflexion oder Vertiefung: “Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr das Gehörte Revue passieren lasst?, Worüber wollt ihr mehr hören?”.

Dann: Kaffeepause
Eine alte Open Space-Weisheit besagt, dass die besten Gespräche immer in der Kaffeepause stattfinden. Hier musst Du gar nichts tun. Schließlich: Bescherung! Sei darauf vorbereitet, überrascht zu werden! Vielleicht brauchst Du danach ein bisschen Bewegung: Die Heilige Messe und/oder ein Spaziergang im Schnee sind mögliche Outdoor-Aktivitäten. In dieser Phase triffst Du dich sozusagen in einer Grossgruppe, denn um diese Uhrzeit treibt es viele Menschen raus. Um den Abend würdig zu beenden, könntest Du eine Tischrede halten. Aber bitte keine neuen Fässer öffnen(!). Last but not least: Die Verabschiedung. Achtung! Wenn Du Verabredungen triffst, befindest Du dich umgehend in einer neuen Prozessschleife!

Du siehst, einem gelungenen Abend im Kreis der Familie unterliegen bestimmte, notwendige Phasen des Dialogs, der Aktivität und Reflexion, aber auch des gelungenen Abschluss! Wenn Du diesmal alles richtig machen willst, dann hilft Dir sicher das Prinzip der Differenzierung und Integration. Das Prinzip besagt, dass die Transformation von Systemen auf einem Wechselspiel von differenzierenden und integrierenden Denk- und Dialogprozessen basiert.
So ist es gleichermaßen wichtig, die Unterschiede, das Trennende, die Details zu betrachten (Differenzierung) wie auch das Gemeinsame, Verbindende, das große Bild zu würdigen (Integration).

Ein Tipp:
Am besten, Du beginnst mit Phasen der Differenzierung und stellst sicher, dass Du dich im Verlauf des Abends zunehmend in integrierenden Phasen befindest.

Viel Spaß!

Prinzip 4:
Niemand ist auf der Welt, um so zu sein, wie ich ihn haben will

Facilitator arbeiten ausschließlich mit dem, was ihnen entgegen kommt, was sie tatsächlich vorfinden und nicht, was sie denken, vorfinden zu müssen. Das bedeutet, sie ziehen nicht an Weihnachtsbäumen, damit sie schneller wachsen, sie bohren nicht in Wunden und decken keine Tabus auf – auch nicht, wenn sie merken, dass die Weihnachtstorte von Coppenrath und Wiese ist.

Wenn Du also zum Beispiel den Weihnachtseinkauf startest und von der genervten Fleischfachverkäuferin an der Wursttheke bedient wirst, die ihrerseits auf ihren Feierabend wartet und daran denkt, wie sie alles zu Weihnachten schaffen soll, dann  kannst Du mit Hilfe des Prinzips: „Nimm’ die Menschen, wie sie Dir entgegen kommen“ einen bedeutenden Unterschied machen und mit rigorosem Mitgefühl an der Theke für alle, die mit Dir in der Schlange stehen ein weihnachtliches Zeichen setzen.

Oder wenn der einzige Platz am zweiten Weihnachtstag beim Familientreffen mütterlicherseits an der Kaffeetafel nur noch neben Onkel Heinrich (nicht der Schäfer Heinrich aus ‚Bauer sucht Frau’) frei ist und Du denkst: „Wäre ich doch etwas eher gekommen, dann könnte ich jetzt neben meiner Lieblingscousine sitzen, dann beruhigt es, wenn Du dir sagst: ‚Ich nehme Onkel Heinrich so wie er ist und bin bereit, ihm zuzuhören. Es könnte ja sogar sein, dass er eine Geschichte erzählt, die ich noch nicht kenne und die mich wirklich amüsiert.’

Wenn beim gleichen Familientreffen ihr Patenkind Jonas seine Vorliebe für Tortenstücke mit viel Sahne auslebt, dann hilft das Prinzip auch. Gut, Du hättest auch gerne ein Stück Torte gehabt, aber gerade zu Weihnachten gibt es doch eine große Auswahl an anderen himmlischen Leckereien. Entspann’ dich.

Prinzip 5:
Einmal tief Luft holen.

Der wesentliche Job eines Facilitators ist es, das Wissen und die Weisheit einer Gruppe oder eines gesamten Systems zu Tage zu fördern – und dann aus dem Weg zu gehen. Das ist leichter gesagt als getan. Immer wieder kommt es dabei zu emotional herausfordernden Situationen. Es ist gut für solche Fälle ein einfaches Prinzip zur Hand zu haben, das hochwirksam ist – auch während der Festtage.

Nehmen wir noch einmal die Situationsbeschreibung aus Prinzip 1. Zur Erinnerung: Du stehst auf der Leiter, es stinkt nach angebrannten Plätzchen, das Telefon klingelt und Du weißt, dass Du von dem Anrufer nichts Gutes erwarten kannst. Während Du dir sagst: ‚Vertraue dem Prozess’ (siehe Prinzip 1), atme einmal sehr bewusst und langsam ein und aus und erst dann mach’ entspannt weiter.

Oder wenn Du bei der Bescherung ein Geschenk von Marlies bekommst – vielleicht ist es ein Gartenzwerg – und Dir ist sofort klar, dass Marlies nicht zugehört hat, als Du vor ein paar Monaten von Deiner Gartenzwerg-Allergie erzählt hast, dann gönne Dir einen tiefen Atemzug. Das ist die Zeit, die Du dir für eine passende Reaktion nimmst, damit Du so reagierst, wie Du es willst und nicht, wie es vielleicht aus Dir spontan herausgebrochen wäre.

Zurückholen kann man Worte niemals. Sie kommen immer an. Deshalb ist es gut, Techniken zu beherrschen, die Eskalation verhindern oder Deeskalation einleiten. Der tiefe Atemzug ist an dieser Stelle nicht nur nützlich sondern lebenswichtig. Atme in den Weihnachtstagen zur Entspannung von Zeit zu Zeit tief durch – spätestens aber dann, wenn es brenzlig wird.

Prinzip 6:
Höre zu!

Dieses Facilitator Prinzip ist ein alter Hut, dem wir aber trotzdem ein ganzes Kapitel widmen wollen, denn an diesem Prinzip ließe sich die ganze Welt erklären. Keine Sorge. Machen wir nicht. Gerne weisen wir jedoch auf die grundlegende Bedeutung dieses Prinzips für Weihnachten hin.

Falls Du dir jedes Jahr vor Weihnachten die gleiche Frage stellst ‚Was schenke ich meinem Mann/Freund/Sohn, meiner Frau/Freundin/Tochter?’, dann ist das Prinzip „Höre zu!“ dein Prinzip! Denn, wenn Du das Jahr über wirklich zugehört hättest, dann hätte sich sich die Frage nach den Geschenken nämlich wie von selbst erledigt. Ist es nicht so, dass wir immer wieder kleine Hinweise aufschnappen könnten, die es uns eigentlich sehr einfach machten, liebevolle Geschenke für die Liebsten zu besorgen? Falls Du gerade merkst, dass es wohl in diesem Jahr mir dem Zuhören nicht wirklich geklappt hat, … kein Problem. Wir sind auf der Welt, um Lektionen zu lernen. Und die Lektion mit dem Zuhören ist ja noch eine der einfachsten Übungen. Einfach, aber nicht leicht.

Weihnachten bietet mannigfaltige Übungsfelder, um die Fähigkeit zuhören zu können, zu trainieren: Wenn Du beispielsweise in der Christmette ankommst, einen Stehplatz hinter einer Heiligensäule ergattert hast, sowieso nichts siehst und dich – nach all den Vorbereitungen – erschöpft anlehnst, dann „Höre zu!“. Höre neu hin, lasse dich treffen von der Hoffnung der Heiligen Nacht und spüre, dass die Zukunft unter einem guten Stern steht.

Und wenn es nicht gerade die Heiligensäule sondern die Spülmaschine ist, die dir am Weihnachtsabend mit leise, gleichmäßigem Surren ihre ganz eigene Predigt schenkt, dann „Höre zu!“. Nur zum Spaß. Nicht wahr?

Es gilt, wie die Dichterin Hilde Domin es ausdrückt:

„Nicht müde zu werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel die Hand hinzuhalten.“

Prinzip 7:
Aus Schweigen und Stille schöpfen

Damit kommen wir zu unserem letzten Facilitator-Prinzip für schönere Weihnachtsfeste. In unserer Arbeit lernen wir dieses Prinzip zunehmend schätzen und wenden es bewusst an, auch wenn Stille nicht immer für alle Menschen zunächst komfortabel ist.

Aus Schweigen und Stille schöpfen
In der englischen Sprache bedeutet silence beides: „Schweigen“ und „Stille“.  Dieses Prinzip erinnert uns daran, dass wirklich Bedeutsames oft aus der Stille heraus passiert oder im Schweigen verstanden wird.

Bleiben wir noch kurz beim Reden
Und zwar bei der Form des Redens, die oft dazu dient, Wesentliches und Eigentliches zu verschweigen, dem Small Talk. Wie viel Small Talk findet an den Weihnachtstagen statt? Wir hatten schon an anderer Stelle (Prinzip 2) das Thema „Die besondere Qualität des Schnee-Schippens“ oder „Stricken neu entdeckt“ (wobei gerade dieses Thema für einige weit von Small Talk entfernt ist!).

Also, echten Small Talk erkennst Du daran, dass Du redest, um nicht zu reden. Und daran, dass es sehr anstrengend ist und Du dich wunderst, warum Du am zweiten Weihnachtstag so erschöpft bist, ohne große Leistungen vorweisen zu können. Wenn Du also an den Weihnachtstagen bemerkst, dass Du sehr erschöpft bist, dann hast Du wahrscheinlich viel und angestrengt geredet. Oder Du warst Viel-Rednern ausgesetzt und hast viel und angestrengt zurück gelächelt. Das ist genau so anstrengend.

Um wieder zu entspannen, kombiniere Prinzip 2 mit Prinzip 7:  Gehe in die Stille.  Gerade die Weihnachtszeit lädt dazu ein, die Kraft der Stille zu nutzen und wie Dag Hammarskjöld sagt: Verstehen – durch Stille. Wirken – aus Stille. Gewinnen – in Stille.
Dietrich Bonhoeffer formuliert es so:

„Es liegt im Stillsein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche.“

Damit beenden wir unsere Auswahl an Facilitator-Prinzipien bezogen und schweigen !

2 Gedanken zu „Weihnachtsfibel“

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